Zwölf Wochen.
Plus minus ein paar Tage.

Drei Monate.
Ein Vierteljahr.

Eine Zeit, in der „man“ …

Ja.
Eine Regel hier ist,
dass man von sich selbst spricht.

Also:

Eine Zeit, in der ich
mit völlig fremden Menschen
über meine Ängste,
meine Sorgen,
meine Zweifel,
meine Unsicherheiten,

weitere Ängste,
andere Sorgen
und noch schlimmere Befürchtungen

reden darf.

Aber auch über schöne Dinge.
Über das, was gelingt.
Über das, was vielleicht irgendwann wieder gelingen könnte.

Und das mit Menschen,
die mir vorher völlig fremd waren.

Und einige davon
sind es nach zwölf Wochen
immer noch.

Der Vergleich mit einer neuen Arbeitsstelle
und den ersten Tagen als der Neue
passt vermutlich ziemlich gut.

Man muss sich orientieren.
Man muss herausfinden,
wer hier eigentlich wer ist.

Wer mit wem kann.
Wer mit wem nicht kann.
Und wer einfach nur versucht,
den Tag irgendwie hinter sich zu bringen.

Neben den Leitungskräften –
also den Fachkräften der Tagesklinik –
gibt es zwei Abteilungen.

Die Gelben.
Und die Blauen.

Innerhalb dieser Abteilungen bilden sich Kleinteams.
Menschen, die sich besonders gut verstehen.
Vielleicht sogar Freundschaften,
die länger halten als diese zwölf Wochen.

Diese Verbindungen erkennt man natürlich auch
an der Sitzordnung
im Gemeinschafts-Speise-Aufenthaltsraum.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen:
Feste Sitzplätze sind konzeptionell
nicht vorgesehen.

Der Monk in mir
sieht das allerdings anders.

Und glücklicherweise
die meisten Mitpatientinnen und Mitpatienten auch.

Man braucht schließlich ein bisschen Struktur
in einer Einrichtung,
in der man lernen soll,
mit sich selbst klarzukommen.

Nach zwölf Wochen
dürfen die geneigten Zuhörerinnen und Zuhörer
nun ein schönes,
reflektiertes
und ehrliches Feedback erwarten.

Also von mir.

Ich trage den Text ja vor.

Das Ergebnis dieser zwölf Wochen
ist natürlich nicht repräsentativ.
Es basiert auf einer einzigen Stimme.
Meiner.

Das Feedback …

Das Feedback …

Mmmh.

Feedback.

„Du machst ja nix Soziales.“

„Du spielst ja nicht mit.“

Eine ehemalige Mitpatientin
hatte mit beidem durchaus recht.

Die meiste Zeit
habe ich mit mir selbst verbracht.

Und in der restlichen Zeit
habe ich nicht mit den anderen gespielt.

Damit keine seltsamen Gedanken aufkommen:
Ich meine Gesellschaftsspiele.
Kartenspiele.
Mensch ärgere dich nicht.

Nicht, dass ich mich grundsätzlich
aus dem Spiel des Lebens herausgehalten hätte.

Obwohl …

Aber ernsthaft.

Auch wenn ich mich noch nicht bereit fühle.
Nicht gesünder.
Nicht stärker.
Nicht abgeklärter.

Auch wenn ich nicht mit einem fertigen Plan
und einer Bedienungsanleitung für mein weiteres Leben
aus dieser Tagesklinik gehen werde.

Dann war da trotzdem etwas.

Ich habe Menschen kennengelernt,
die mir Vorbilder waren.

Menschen, bei denen ich mir dachte:
Das könnte ich mir abschauen.

Ich habe Gedankengänge gehört,
Sichtweisen kennengelernt,
Dinge mitgenommen,
über die ich nachdenken musste.

Und ich habe etwas festgestellt.

Immer wieder.

Bei jeder einzelnen Person.

Hinter jedem Gesicht,
hinter jedem Lachen,
hinter jedem „Mir geht’s ganz gut“,
hinter jedem Rückzug,
hinter jedem Schweigen

liegt eine Geschichte.

Und manchmal
liegt da eine Last.

Eine Last,
so schwer,
als würde die ganze Welt
auf den Schultern dieses Menschen liegen.

Und das Erschreckende ist:

Wir tragen diese Lasten
nicht nur mit uns herum.

Wir glauben auch noch,
dass wir selbst
eine Belastung sind.

Für andere.

Dass wir zu viel sind.
Zu kompliziert.
Zu anstrengend.
Zu traurig.
Zu wenig.
Oder einfach falsch.

Und während jeder Einzelne glaubt,
den anderen mit seiner Geschichte
nicht auch noch belasten zu dürfen,

sitzen wir gemeinsam
in diesem Gemeinschaft-Speise-Aufenthaltsraum.

Auf unseren festen,
konzeptionell nicht vorgesehenen Plätzen.

Und tragen unsere Welt
auf den Schultern.

Vielleicht ist genau das
einer der wichtigsten therapeutischen Effekte
dieser Tagesklinik.

Nicht nur die Gespräche.
Nicht nur die Therapien.
Nicht nur die Erkenntnisse,
die man sich mühsam erarbeitet.

Sondern dieses Gefühl,
mit all dem nicht allein zu sein.

Zu merken,
dass man nicht der einzige Mensch ist,
der manchmal nicht weiterweiß.

Dass hinter der Fassade der anderen
ebenfalls Unsicherheit steckt.

Dass niemand hier
sein Leben vollständig im Griff hat.

Und dass man vielleicht
gar nicht erst gesund,
stark oder abgeklärt sein muss,
um anderen Menschen etwas geben zu können.

Manchmal reicht es,
da zu sein.

Zuzuhören.

Oder einfach
einen Platz freizuhalten.

Und dann wäre da noch
das Essen.

Das regelmäßig schlechte Essen.

Ein therapeutischer Effekt,
über den wir uns wenigstens
alle gemeinsam aufregen konnten.

Man muss schließlich auch
die kleinen Erfolge würdigen.

Zwölf Wochen.

Plus minus ein paar Tage.

Ich weiß nicht,
ob ich gesünder bin.

Ich weiß nicht,
ob ich stärker bin.

Und ich weiß auch nicht,
ob ich jetzt besser weiß,
wie es weitergeht.

Aber ich weiß,
dass ich Menschen begegnet bin,
die ihre Last getragen haben.

Und dass sie trotzdem
für andere da waren.

Vielleicht ist das kein Heilungserfolg,
den man in einen Entlassungsbericht schreiben kann.

Vielleicht ist es aber einer,
den man mitnehmen darf.

Und wenn ich aus diesen zwölf Wochen
nur eine Sache mitnehme,
dann vielleicht diese:

Wir glauben so oft,
dass wir anderen zur Last fallen.

Dabei sitzen wir alle
im selben Raum.

Mit unseren Ängsten.
Mit unseren Geschichten.
Mit unserem schlechten Essen.

Und manchmal
mit einem Platz neben uns,
auf dem noch jemand sitzen kann.

Auch wenn wir selbst
noch nicht wissen,

wie wir unsere eigene Last
weitertragen sollen,

bieten wir trotzdem
unsere freie Schulter an,
um die Last der anderen
ein kleines bisschen leichter zu machen.

Und vielleicht …

vielleicht waren wir
in einem früheren Leben
ja tatsächlich Lasttiere.

Mulis.
Lamas.
Alpakas.

Sucht euch was Schönes aus.

Und vielleicht –
wirklich nur vielleicht –
darf uns der Gedanke daran zeigen,
dass wir eine ganze Menge aushalten,
tragen und schleppen können.

Dass wir manchmal mehr Kraft haben,
als wir uns selbst zutrauen.

Und dass wir dabei
nicht immer stark aussehen müssen.

Manchmal sind wir einfach
nur ziemlich erschöpft.

Mit krummem Rücken,
zerzauster Frisur
und dem dringenden Wunsch,
dass endlich jemand anderes
das Gepäck übernimmt.

Aber irgendwie …

irgendwie sind wir
auch total süüüüüß.

Alpakas nämlich auch.
Lamas sowieso.

Und Mulis …

die muss man einfach liebhaben.
Auch wenn sie einen
mit ihrem eigenwilligen Charakter
gelegentlich in den Wahnsinn treiben.

Und weil wir hier ja gelernt haben,
nicht von „man“ zu sprechen …

möchte ich heute einfach sagen:

Ich hab mich lieb.
Ich arbeite daran.

Und vielleicht fangen wir alle
einfach bei uns selbst an.

Ich bei mir.
Und du bei dir.