Tagesklinik #Tag 84

In den vergangenen Wochen habe ich öfter darüber nachgedacht, mein „Tagebuch“ weiterzuführen. Aber mir fehlte die Kraft, die Energie und auch die Motivation.

Am Freitag, also an Tag 87, ist Schluss mit der Tagesklinik.

Und das Gefühl ist ein völlig anderes als damals zum Ende meines stationären Aufenthalts.

Mir fehlt ein wenig der Hoffnungsschimmer. Die bahnbrechenden Erkenntnisse, die ich dazugewonnen habe … oder zumindest hätte dazugewinnen sollen.

Ich fühle mich nicht wesentlich weiter als vor Beginn der Tagesklinik. Zum Teil resigniert, zum Teil hoffnungslos.

Und wenn ich mich bei diesem Gedanken ertappe, frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich diese Zeit nicht gehabt hätte.

Wie würde es mir ohne die Tagesklinik gehen?

Angst habe ich auch davor, was ich nun mit der Zeit anfangen werde. Trotz der Nachsorge, die einmal wöchentlich stattfinden wird.

Und ich habe Angst davor, dass meine innere Stimme wieder die Peitsche herausholt. Dass sie mich antreibt, möglichst schnell zu meinem gewohnten Trott zurückzukehren. Zu dem Zustand, in dem ich früher „funktioniert“ habe.

Wobei sich gerade Letzteres verändert hat.

Auch meine Erwartungen an mich selbst, funktionieren zu müssen, haben sich verändert.

Ich möchte gesund werden. Und ich möchte diesen Prozess nicht an einem festen Termin festmachen. Nicht mit dem Ziel, zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder arbeitsfähig sein zu müssen.

Ich möchte den Anforderungen des Lebens emotional sicher, stabil und gesund begegnen können.

Ja, dazu gehört auch, wieder arbeiten zu können.

Aber eben nicht nur.

Ich möchte auch wieder Freude am Leben empfinden. An Hobbys, Freunden und all den anderen Dingen, die irgendwann einmal selbstverständlich waren. Ich möchte sie wieder wahrnehmen, zulassen und genießen können.

Ein frommer Wunsch.

Einer, der mir gleichzeitig Angst macht.

Angst davor, zu versagen. Nicht zu wissen, wann und wie viel davon wieder möglich sein wird. Wann ich wieder etwas wahrnehmen und erleben kann, ohne dass es sich anstrengend oder unerreichbar anfühlt.

Da ist allerdings noch eine Stimme.

Eine leise, zarte Stimme in mir, die mir sagt:

Nimm dir die Zeit.
Schritt für Schritt.
Angst zu haben ist okay.
Aber du bist nicht allein.

Tja.

Zwölf Wochen später stehe ich nun hier. Mit halbgaren Gedanken, Zweifeln, Sorgen und auch Zielen.

Vielleicht sind es im Moment eher Wünsche.

Ich weiß, dass ich nicht gesund bin. Und ich werde mir vermutlich jeden Tag aufs Neue sagen müssen, dass es eben so lange dauert, wie es dauert.

Ein fast ganzes Leben voller Glaubenssätze, innerer Antreiber und der Gewohnheit, nicht auf sich selbst zu achten, lässt sich vermutlich nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate einfach beiseiteschieben.

Vielleicht habe ich in der Tagesklinik mehr verinnerlicht, als mir zu Beginn dieses Eintrags bewusst war.

Vielleicht auch nicht.

Ich weiß es gerade nicht.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich nach zwölf Wochen stehe.