#Tag 56

Zum Ende meiner stationären Therapie einmal ein Schwenk auf ein anderes Thema…

Ich versuche wirklich zu verstehen, warum Krankenkassen beziehungsweise das Gesundheitssystem zu dem Schluss kommen konnten, dass Kürzungen bei den Honoraren für ambulante Psychotherapie sinnvoll oder sogar kostensparend sein könnten.

Psychische Erkrankungen gehören seit vielen Jahren zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Rund 17 Millionen Menschen sind jährlich betroffen – das entspricht knapp 30 % der Bevölkerung. (Anmerkung: Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Je nach Quelle variieren die Zahlen leicht, bewegen sich jedoch in einer vergleichbaren Größenordnung und sind bei Krankenkassen sowie in öffentlichen Berichten nachzulesen.) Die Tendenz ist steigend. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, denn psychische Erkrankungen werden nach wie vor tabuisiert und finden gesellschaftlich viel zu wenig Platz – in der Arbeitswelt erst recht.

Auch wenn die geplanten Honorarkürzungen zunächst gerichtlich gestoppt wurden, bleiben für mich ein oder zwei Fragen.

Schon heute warten viele Menschen sechs Monate oder länger auf einen ambulanten Therapieplatz. In dieser Zeit begleiten Hausärztinnen und Hausärzte die Betroffenen häufig engagiert und mit großem Einsatz – eine Psychotherapie ersetzt das jedoch nicht.

Aus meiner Sicht gilt auch hier ein Grundsatz, den wir aus vielen Bereichen der Medizin kennen: Je früher eine Erkrankung behandelt wird, desto größer sind häufig die Chancen auf einen guten Verlauf. Werden psychische Erkrankungen verschleppt, verlängert sich nicht nur der Heilungsprozess, sondern oft auch das Leid der Betroffenen.

Ich halte es zudem für naheliegend, dass dadurch stationäre Behandlungen häufiger notwendig werden – zumindest für diejenigen, die bis dahin durchhalten. Und genau diese Behandlungen verursachen in der Regel deutlich höhere Kosten als eine ambulante Psychotherapie. Hinzu kommen nicht selten weitere Maßnahmen wie Tageskliniken, Rehabilitationsaufenthalte, ambulante Weiterbehandlungen oder längere Zeiten des Krankengeldbezugs.

Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen solche Entscheidungen nicht ausschließlich unter kurzfristigen Einsparungen betrachten, sondern auch die möglichen Folgekosten – menschlich wie wirtschaftlich – in ihre Überlegungen einbeziehen. Ich bin kein Betriebswirt. Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass aus einer Einsparung von 4,5 % am Ende leicht deutlich höhere Folgekosten entstehen können.

Hinzu kommt eine weitere Sorge.

Wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verschlechtern, könnte das langfristig dazu führen, dass sich weniger Menschen für diesen Beruf entscheiden. Gerade in einem Bereich, in dem schon heute ein erheblicher Mangel besteht, wäre das ein fatales Signal. Nach meiner Überzeugung darf dieser Beruf selbstverständlich auch wirtschaftlich attraktiv sein.

Mich beschäftigt deshalb eine grundsätzliche Frage:

Warum behandeln wir eine Volkskrankheit noch immer so, als wäre sie ein Randthema?

Wir brauchen mehr Therapieplätze.

Mehr Prävention.

Mehr Selbsthilfeangebote.

Mehr niedrigschwellige Anlaufstellen.

Vor allem aber brauchen wir die gesellschaftliche Erkenntnis, dass psychische Gesundheit keine Nebensache ist.

Ich halte es für kurzsichtig, bei einer der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit ausgerechnet dort zu sparen, wo frühe Hilfe langfristig Leid verhindern und möglicherweise sogar Kosten reduzieren kann.