25 Jahre.

Ein Viertel eines Jahrhunderts.

Und sofort fällt mir der Tag ein.
Die Situation, in der ich damals war.

Wie absurd, wenn ich bedenke,
dass ich mich nicht daran erinnern kann,
was vor einem Jahr passiert ist.

Um fair zu bleiben:
Dieses Ereignis ist auch ein Erinnerungsanker,
der mit unfairen Mitteln arbeitet.

Die Eselsbrücke,
die keiner freiwillig nehmen würde.

Aber sie ist da.
Und sie funktioniert.

Es war einige Tage vor meinem ersten Studium,
das ich erfolgreich nach dem ersten Semester abgebrochen habe.

Und einige Monate, bevor ich den Job angefangen habe,
der mich ziemlich eindeutig
zu meinem jetzigen Beruf
und viele Jahre später
zu meinem zweiten Studium geführt hat.

Das ich dann übrigens erfolgreich beendet habe.

Aber das wusste ich damals natürlich noch nicht.

Es war der Tag,
an dem wir uns als Familie bei unserer Mutter getroffen hatten.

Kaffee und Kuchen.
Einfach so.

Da mir langweilig war
und ich es damals schon immer
als anstrengend empfand,
solche emotional verpflichtenden Zusammenkünfte auszuhalten –

liebevoll:
familiäre Fellpflege –

verdrückte ich mich ins Nebenzimmer
und tappte durch die TV-Landschaft.

Und nein:
keine Streaming-Plattformen.

So richtig Programme.
Von 1 bis keine Ahnung was.

Und immer wieder diese Diskussion,
welche Programme denn nun
ab Nummer 4 folgen mussten.

BTW:
Pro 7 war bei mir auf Platz 6.

Allein dafür wäre der Scheiterhaufen gerechtfertigt gewesen.

Wie auch immer.

Ich erinnere mich,
wie ich ins Nebenzimmer rief:

„Krass.
Das World Trade Center brennt.“

Später ergänzte ich,
dass wohl ein Flugzeug reingeflogen sei.

Ich witzelte sogar noch,
dass Trump die „Warmsanierung“
wohl ganz gelegen käme.

Ich meine,
es war auch zu dieser Zeit Thema,
dass er finanzielle Engpässe hatte.

Die Tragweite und die Dispektierlichkeit
dieser Aussage waren mir damals nicht bewusst.

Und sie war auch nicht ernst gemeint.

Aber selbst wenn es niemals
diese Ausmaße angenommen hätte,
wäre es schlimm genug gewesen.

Na ja.

Waren es zwanzig Minuten später?

Ich habe es jetzt nicht nachgeprüft.

Aber irgendwann saß ich
mit offenem Mund vor dem Fernseher
und begriff überhaupt nicht,
was ich da gerade sah.

Ein weiteres Flugzeug.

Der andere Turm.

Eine Familie,
die gemeinsam und fassungslos
vor dem Fernseher saß.

Und der Kuchen,
der im Hals stecken blieb.

Ein Menschheitstrauma.

Natürlich in einer völlig anderen Qualität,
als es die Opfer und ihre Angehörigen erlebt haben.

Aber trotzdem etwas,
das nicht zu begreifen war
und das man trotzdem verzweifelt
zu verstehen versuchte.

Der 11. September 2001
war für mich eine Zeitenwende.

Nicht nur wegen der Bilder,
die sich in meinen Kopf eingebrannt haben.

Sondern wegen dessen,
was danach kam.

Eine Veränderung in der Weltpolitik.
Im Umgang miteinander.

In dem,
was plötzlich als notwendig,
als legitim
und als alternativlos galt.

Selbstverteidigung.
Der Kampf gegen den Terror.

Beides ist wichtig.
Beides darf diskutiert werden.

Aber irgendwann wurde aus der Antwort
eine Rechtfertigung.

Für Krieg.
Für Ausgrenzung.
Für Misstrauen.
Für Stigmatisierung.

Und aus dem Versuch,
eine unfassbare Tat zu verstehen,
wurde eine Welt,
in der das Hinterfragen der Antworten
selbst verdächtig werden konnte.

Vielleicht ist das der Teil,
den ich damals noch nicht verstehen konnte.

Ich saß einfach nur da.

Mit offenem Mund.
Neben meiner Familie.

Und der Kuchen
war mir im Hals stecken geblieben.

Der 11.09.2001.

Der Tag,
an dem mir der Kuchen im Hals stecken blieb.